Abtreibung – harmlos für die Frau?

Quelle: PLACEBO, Zeitung der Fachschaft Humanmedizin, von Viola Walde

Im Psychologie-Blockkurs SS98 stellte Dipl.-Psych. U. Bade die These auf, die psychischen Folgen nach einer Abtreibung seien für die Frau nach einem Jahr erledigt.

Weil ich vorher von einer zu großen Anzahl Fallberichte gehört hatte, bei denen negative Folgen entweder länger anhielten oder erst später auftraten, habe ich nun versucht, objektivierbare Daten zusammenzutragen, um diese These zu widerlegen oder vor mir selbst als richtig erkennen zu müssen.

Die WHO schätzt die Anzahl der Abtreibungen in der Welt pro Jahr auf 40-60 Millionen, für Deutschland werden jährlich (1990) 250.000 Abtreibungen gegenüber 650.000 Geburten angegeben. Die Dame von Pro Familia, die unseren Kurs im Sommer besuchte, sprach von 800 Abtreibungen jährlich in der von Pro Familia betriebenen Abtreibungsstation in Gießen. Bei der Erforschung der Folgen eines Schwangerschaftsabbruches gibt es einige Problematik:

Eine Studie (BÖNITZ Göttingen, 1979) kommt zu dem Ergebnis, dass 0,3 - 8,5% der Frauen, je nach Strenge des Kriteriums, "psychische Irritationen" davontragen. Stichprobengröße: 365, Befragungsform:Standardisierter Fragebogen, Befragungszeitpunkt: unmittelbar nach dem Eingriff.

Andere Befragungen erstrecken sich (per Längsschnitt, d.h., die gleiche Frau wird mehrmals befragt) über den Zeitraum direkt vor, direkt nach und ein Jahr nach dem Eingriff.

Es gilt als erwiesen (Buck), dass bei 63-91% nach dem Eingriff Erleichterung vorherrscht.

Erleichterung, weil das Problem der ungewollten Schwangerschaft erledigt ist, weil der Druck von Familie, Arbeitgeber, Arzt, materiellen Gründen (Wohnung, Geld), Aussicht, das Kind allein aufziehen zu müssen oder keine Betreuungsmöglichkeit zu finden, wegfällt.

Im Angesicht dieser Überlegungen überrascht es nicht, dass effektive Verdrängungsmechanismen bestehen, die Gefühle, die diesen Überlegungen entgegenstehen, ablocken. Also ist es nur logisch, wenn Folgen auftreten, dass Symptome unspezifisch sind oder im vorbewußten Bereich auftreten. Außerdem ist es logisch, dass im Falle von Bewältigungsstrategien wie Verdrängung oder Projektion die Folgen stärker werden müßten, je länger der Eingriff zurückliegt und um so belastender sein, desto instabiler das soziale Umfeld der Frau ist.

Beim "Untersuchungsdesign" gibt es das Problem, dass normierte Fragebögen, die Reliabilität (Wiederholbarkeit, ein Teil der Voraussetzungen, damit die Untersuchung wissenschaftlich genannt werden darf) garantieren, die mögliche Divergenz zwischen Verstand und Gefühl nicht oder nur unzureichend "einfangen" können, d.h. ihre Validität (Gültigkeit in bezug auf das zu untersuchende Problem) in Frage gestellt werden muß. Der tiefenpsychologische Aspekt (Träume etc.) wurde in der Vergangenheit oft wenig berücksichtig.

Diese Problematik ist in der einzigen (!) Untersuchung enthalten, die die Minimal-Kriterien methodologischer Verläßlichkeit erfüllt (Reliabilität, Validität, parallele Kontrollgruppe und ausreichend große Stichprobe): Rasmussen & Holst, Dänemark, untersuchten 1169819 Frauen, davon 27234 nach einer Abtreibung und 71378 nach normaler Entbindung auf Ersteinweisung in eine psychiatrische Klinik in der Zeit nach dem Ereignis und kamen zu dem Ergebnis, dass Frauen, die ständig ledig oder gegenwärtig verheiratet waren, ein gleiches Erge´bnis zeigten: 12 von 10000 wurden eingewiesen. Bei getrennt lebenden, geschiedenen oder verwitweten Frauen hingegen divergierte das Ergebnis: nach Schwangerschaftsabbruch wurden 64 von 10000, nach Entbindung 17 von 10000 eingewiesen.

Die "kleinen"Probleme werden nicht erfaßt, denn : wer geht wegen häufigen, grundlosen Weines, Alpträume oder Aversionen gegen Sex in die stationäre Behandlung einer psychiatrischen Klinik?

Die These, dass Frauen, die generell depressiver sind oder weniger effektive Verarbeitungsstrategien haben, bleibt im Raum und wird unterstützt durch o.g. Ergebnisse, da man z.B. bei Verheirateten von einem stützenderen Umfeld ausgehen kann. Nur: es kann nicht sein, dass jemand ständig gleichbleibend stabilisierendes Umfeld hat.

Ich stieß auf eine Untersuchung, die zwar (auch nach Ansicht der durchführenden Wissenschaftlerin Dr. Anne Speckhard) nicht den methodologischen Kriterien entspricht, da die Stichprobe zu klein ist (nur 30 befragt Frauen, deren Abruptio zwischen 7 und 12 Jahren zurücklag), ihre Methodik allerdings wird als "richtungsweisend" bezeichnet: die verwendet ein Konzept, das ursprünglich für Beobachtungen an Vietam-Veteranen benutzt wurde: sie beobachtet posttraumatische Streßreaktionen.

In der Folge ihrer Untersuchungen beschrieb sie zwei Symptomenkomplexe, PAS (Post Abortion Syndrome) und PAD Post Abortion Distress).

PAD beschreibt Symptome, die ihren Ursprung in folgenden drei Punkten haben:

 

  • körperlicher und seelischer Schmerz/Druck von Schwangerschaft und Abtreibung
  • Verlust (einer Rolle, eines Traumes, einer Beziehung, eines Teils des Ichs, des Kindes) durch Abtreibung
  • Konflikt in der Persönlichkeit, in Rollen, Werten und Beziehungen, die von einer veränderten Sicht der Notwendigkeit (Angemessenheit) der Entscheidung zur Abtreibung herrührt.

PAS wird auch Abtreibungstrauma genannt.
Es wird unterteilt in verschiedene Untergruppen.

Körperliche Folgeerscheinungen wie Frühkomplikationen nach Abtreibung, davon primäre: 1,2% nach bundesstat.: Verletzungen der Gebärmutter, Blutung über 500 ml, Fieber über 38°C, Narkosezwischenfälle, sekundäre (gesamt werden Angaben zwischen 6 und 12 % gemacht): Infektionen (Gebärmutter, Eileiter) und ihre Folgen, Nachblutungen, Thrombose/Embolie oder Spätkomplikationen: Verwachseungen im Unterleib, Unfruchtbarkeit, erhöhte Rate an Eileiter- und Bauchhöhlenschwangerschaften (26,7%9, Spätabort (31%) oder drohende Frühgeburt (23% bei weiterer Schwangerschaft, Gebärmutterhalsschwäche (20,2%), (bei Frauen ohne Abbruch liegt die Konplikationsrate bei den 4 letztgenannten Punkten bei je 7%), Säulingssterblichkeit.

Psychosomatische Folgeerscheinungen wie Menstruationsbeschwerden, funktionale Unterleibsbeschwerden, funktionale Sexualstörungen, Migräne, Schlafstörungen, Alpträume, Frigidität, sexuelle Verweigerung.

Psychische Folgeerscheinungen: Störungen des Selbstwertgefühles, Angstzustände, Stimmungsschwankungen, Zeichen nervlicher Schwäche, Anspannung bis hin zur Überaktivität, Depressionen, Scham-, Reue und Schuldgefühle, Selbstmordgedanken, Gefühle der emotionalen Gleichgültigkeit und Verlassenheit, Absterben des Gefühlslebens, sog. Roboterfeeling, Isolation, Autoaggressionen, Alkohol- und Drogenmißbrauch.

Soziale Folgeerscheinungen: Beziehungsstörungen, lesbische Tendenzen, Trennung vom Partner, Gewalt und Mißbrauch, Haß der Geschlechter u.a.

In der Stichprobe von Dr. Speckhard kommt sie zu folgenden Prozentsätzen:
Alkoholkonsum: 61 %
Selbstmordgedanken: 65 %
Sexuell Störungen: 69 %
Abbruch-Flashbacks: 73 %
Kommunikationsstörungen: 77 %
häufiges Weinen: 81 %
Ärger, Wut, Entfremdung: 92 %
Trauer, Verlustgefühle: 100 %
allgemeine Ängste: 54 %
Ängste, irgend jemand könnte von der Abtreibung erfahren: 89 %
negative Veränderung des Sexuallebens: 69 %
Verschlechterung der sexuellen Beziehung zum Partner: 35 %
Eßstörungen: Anorexia nervosa/Bulimie: 23 %
Selbstwertgefühl erniedrigt: 80 %

 

Dr.phil. Marie Simon hat in Würzburg 110 Frauen befragt. Es finden sich folgende Werte: Frage nach psychische Spätfolgen" mit "Ja" beantwortet: 80 % Reue oder Schuldgefühle: 60 % Stimmungsschwankungen und Depressionen, erhöhte Reizbarkeit: 35 - 40 % unmotiviertes Weinen: 35 % Angstzustände: 30 %

 

Über 50 % geben an, sich unmittelbar nach dem Eingriff nicht freier und wohler, sondern nervöser, unausgeglichener gefühlt zu haben, sowie ihre innere Ruhe / psychische Stabilität "bis heute" nicht gefunden zu haben.

40 % wollten eine Abtreibung, wenn es möglich wäre, rückgängig machen. (Nach Angaben von Petersen 1987 hegen 20 % Zweifel an damaliger Entscheidung und