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Manche Frauen leiden ein Leben lang

Ich habe Ihren Beitrag in Stern-TV mit Interesse verfolgt.
Auch ich habe einen Schwangerschaftsabbruch hinter mir und komme bis heute mit mir und dem Abbruch nicht klar.
Ich war damals, 1981, kurz vor meinem 18. Geburtstag schwanger geworden. Die Schwangerschaft konnte bei mir erst kurz vor der 11. Woche festgestellt werden. Meine Mutter ist damals mit mir in die Frauenarztpraxis gegangen. Als die Ärztin mir mitteilte, dass ich schwanger sei, brach für meine Mutter eine Welt zusammen. Ich freute mich so tierisch, da es für mich und den Vater ein Beweis unserer Liebe war.

Ich konnte und durfte nichts sagen; meine Mutter hatte damals alles gemanagt. Und erst bei diesem Termin bei ProFamilia: Meiner Mutter musste ich versprechen, dass ich den Vater des Kindes in ein schlechtes Licht rücken werde, dass kein Geld da wäre und dass ich noch in der Ausbildung wäre, was nicht stimmte.

Drei Tage später der Abbruch in einer Tagesklinik: Ich kam mir vor wie ein Stück Vieh, angeschnallt an diesen Stuhl, ohne eine Möglichkeit darunter zu kommen. Dann dieser Arzt, ohne Narkose, ohne örtliche Betäubung und die ganze Zeit seine Erklärungen, was er nun machen würde. Er würde nun das Embryo tot stechen, und dann würde er alles absaugen. Ach und übrigens, meinte er, es wäre ein Junge geworden. Dies war wie ein Todesstoss in mein Herz. Und meine Mutter wartete im Wartezimmer mit einem Puddingstückchen auf mich. Den Vater des Kindes durfte ich nie wieder sehen. Auch er hat lange mit sich und dem Verlust gekämpft.

Liebe Frau Koch, dies kann ich alles bis heute nicht überwinden. Ich habe versucht damit zu leben. Ich habe versucht es zu entschuldigen. Ich habe versucht Gott und die Welt dafür verantwortlich zu machen. Ich wollte mich töten. Ich konnte in keinen Kinderwagen schauen. Ich hasste den Vater des Kindes, obwohl er zu mir gestanden hatte. Ich hasste meine Eltern und vor allem hasse ich mich dafür.

Für mich begann eine jahrelange Leere, die bis heute anhält. Ich war noch keine 18 und ich war so dumm, so naiv und unerfahren. Wenn mir damals bewusst gewesen wäre, dass es Frauenhäuser gibt, ich hätte mein Kind bekommen. Ich hasse meine Eltern nicht, ihre Erziehung ließ sie so entscheiden. Ich hasse auch den Vater des Kindes nicht, er hat immer dazu gestanden, wollte sich um und das Kind kümmern.

Ich habe kurz darauf einen anderen Mann geheiratet, ich dachte, so kann ich alles vergessen. Aber meine Vergangenheit holte mich immer wieder ein, 10 Jahre habe ich mich hormonell behandeln lassen, um wieder schwanger zu werden. Aber keine Chance, bis zum heutigen Tag bin ich kinderlos geblieben. Dies sehe ich als meine gerechte Strafe an.

Ich kann nur an dieser Stelle sagen: Frauen überlegt es gut, einen Schwangerschaftsabbruch an Euch vornehmen zu lassen. Es gibt Frauen die können damit leben und es gibt Frauen, die leiden ein Leben lang.

Ich danke Ihnen Frau Koch, dass ich hier mal ein wenig über mein "Problem" schreiben konnte. Gerne können Sie dies veröffentlichen, aber bitte, ich möchte nicht, dass mein Name bekannt gegeben wird.

Ich danke Ihnen, dass es Sie gibt.